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Werkverzeichnis — Christoph Freh

Über das Verfahren

Eine Erläuterung in elf Abschnitten, von denen zehn zu lang sind.

Vorbemerkung

Was hier geschieht, ließe sich in einem Satz erklären. Der Verfasser hat sich dagegen entschieden.

I

Vom Original, das bleibt

Der übliche Weg wäre: ein Algorithmus erzeugt ein Bild. Hier ist es umgekehrt. Ein Bild erzeugt einen Algorithmus, und der erzeugt weitere Bilder.

Das Analoge ist damit nicht Vorlage, sondern Quelle. Es wird nicht nachgeahmt, sondern ausgelesen — und was ausgelesen wurde, malt weiter, wenn niemand mehr im Atelier steht.

Das Original hängt daneben, unverändert. Es verliert nichts dabei. Eine Fortsetzung ist kein Ersatz; sie ist der Nachweis, dass etwas fortsetzbar war.

II

Von der Vermessung

Das Bild wird nicht betrachtet. Es wird befragt.

Ein Foto der Leinwand geht durch einen Sobel-Operator — benannt nach Irwin Sobel, der 1968 wohl nicht ahnte, dass sein Kantenfilter dereinst österreichische Acrylarbeiten verhören würde. Aus den Gradienten jedes Bildpunkts folgt der Strukturtensor, aus dessen Eigenrichtung die Vorzugsrichtung der Züge; aus Lauflängen quer dazu ihre Stärke; aus einem gerasterten Farbraum die Palette samt Flächenanteil auf das Prozent genau.

Die Arbeitsteilung dahinter ist die eigentliche Entscheidung des Projekts: Gemessen wird, was aus Pixeln folgt. Beurteilt wird nur, was Betrachtung erfordert. Eine Maschine, die schätzt, wo sie rechnen könnte, ist eine schlechte Maschine. Ein Mensch, der rechnet, wo er sehen könnte, ist ein schlechter Betrachter.

Der Verfasser hat den Fließtext einer Website einmal für violett gehalten, weil Subpixel-Darstellung dünne Striche einfärbt. Er war neutralgrau. Seither wird gemessen.

III

Vom Malprotokoll

Die Maschine malt das Bild nicht. Sie schreibt auf, wie man es malt.

Was aus der Analyse zurückkommt, ist keine Grafik, sondern eine Anweisung in Schichten: welches Werkzeug, in welchem Winkel, wie viele Züge, wie breit, wie deckend, in welcher Reihenfolge, mit welcher Farbe. Ein Rezept, wie man es einem Assistenten diktieren würde, der die Hand des Meisters nachahmen soll und keine eigenen Einfälle haben darf.

Ausgeführt wird es im Browser des Betrachters. Das Bild entsteht also nicht im Atelier und nicht auf einem Server, sondern etwa dreißig Zentimeter vor Ihrem Gesicht.

IV

Von der Anatomie eines Zuges

Ein Zug ist keine Linie. Eine Linie hat überall dieselbe Breite und endet, wo sie aufhört.

Ein Zug hat eine Mittellinie aus sieben Stützpunkten und darüber eine Druckkurve: er setzt an, schwillt an, dünnt aus, hebt ab. In etwa zwei von fünf Fällen bricht er vorher ab, weil die Farbe ausgeht. Neben der Mitte laufen drei bis vier schmalere Spuren mit, weil ein Pinsel Borsten hat und Borsten nicht einer Meinung sind. An den Rändern staut sich Pigment und wird dunkler.

Das beschreibt einen einzigen Strich, von denen ein Bild etwa zweitausend trägt.

Der Verfasser hält das für angemessen.

V

Vom Zufall, der keiner ist

Die lebende Fassung sieht aus, als entstünde sie im Moment. Sie entsteht nicht im Moment. Sie entstand bereits, in dem Augenblick, als die Zahl feststand, aus der sie folgt.

Zuständig ist mulberry32, ein Pseudozufallsgenerator von zweiundzwanzig Zeilen Länge. Er heißt nach einem Baum, arbeitet mit ganzzahliger Multiplikation und liefert bei gleicher Ausgangszahl bis in alle Ewigkeit dieselbe Folge. Was auf dem Bildschirm wie eine Laune wirkt — dieser Strich, gerade hier, gerade so lang —, ist eine Notwendigkeit, die sich als Laune verkleidet.

Das ist mehr als eine technische Eigenschaft. Der Zustand, den Sie in vierzig Jahren sehen werden, steht bereits fest. Er ist nicht ungewiss, nur unbetrachtet. Zwischen „es gibt ihn noch nicht" und „ihn hat noch niemand angesehen" besteht bei diesem Werk kein Unterschied.

Der Verfasser ist sich nicht sicher, ob das eine beruhigende oder eine unheimliche Auskunft ist. Vermutlich hängt es davon ab, wie man zu Kalendern steht.

VI

Vom Zufall, der nicht deckt

Hier eine Erkenntnis, die den Verfasser mehr Zeit gekostet hat, als er zuzugeben bereit ist.

Wirft man Farbe an zufällige Stellen einer Leinwand, bleibt Leinwand übrig. Und zwar hartnäckig: Bei dreizehnhundert Zügen bleiben etwa zweiundzwanzig Prozent der Fläche unberührt, bei sechsundzwanzighundert noch achtzehn, bei vierunddreißighundert noch zwölf. Der Zusammenhang ist logarithmisch, was höflich ausgedrückt heißt: es hört nie auf. Für ein Prozent bräuchte es ungefähr das Vierfache von allem.

Poisson wusste das 1837. Der Verfasser hat es 2026 nachgerechnet, weil ihm die Bilder zu leer vorkamen.

Die Lösung ist unromantisch. Eine erste Schicht liegt auf einem leicht gestörten Gitter — Zufall in der Verschiebung, aber garantierte Belegung. Der unbemalte Anteil fiel damit von zweiunddreißig auf achteinhalb Prozent.

VII

Vom Weiß, das gemalt wird

Ein Maler lässt kein Weiß stehen. Er malt Weiß.

Das klingt nach einer Binsenweisheit und war der eigentliche Fehler: Die hellsten Töne der gemessenen Palette lagen ungenutzt herum, weil das Programm sie für Grundierung hielt. Sie sind aber Material wie jedes andere, und Höhungen setzt ein Maler zuletzt, nicht zuerst.

Der Unterschied zwischen einer leeren Stelle und einer hell gemalten Stelle lässt sich kaum benennen und ist sofort zu sehen. Wo nichts liegt, liegt Grund. Wo Weiß liegt, liegt eine Entscheidung.

VIII

Von der Weltzeit

Das Werk hat keinen Takt, es hat eine Uhr.

Die Zustandsnummer ergibt sich als ganzzahliger Anteil aus der Differenz zwischen jetzt und einem festgesetzten Anfang, geteilt durch fünfzehntausend Millisekunden. Zwei Betrachter an verschiedenen Orten der Erde sehen in derselben Sekunde denselben Zustand — nicht ungefähr denselben, sondern Pixel für Pixel denselben.

Dieser Anfang ist unveränderlich. Nicht im Sinne einer Empfehlung. Im Sinne von: wer ihn verschiebt, verschiebt rückwirkend jedes Bild, auf das je ein Mensch einen Link verschickt hat.

Es ist damit die folgenreichste Entscheidung des gesamten Projekts, und sie liegt ausserhalb der Software. Die Uhr dieser Sammlung hängt an einem Bild vom September 2017 — dem ältesten der Reihe. Eine Zahl, die seither läuft, zählt gemalte Zeit und nicht Systemlaufzeit; sie sagt nicht, wie lange ein Programm in Betrieb ist, sondern wie lange gemalt wird. Der Verfasser erwähnt das nicht ohne Absicht: Die schwerwiegendsten Festlegungen erkennt man selten daran, wie lange man über sie nachgedacht hat.

IX

Vom Archiv, das nichts wiegt

Da jeder Zustand aus Ausgangszahl und Nummer folgt, muss keiner davon gespeichert werden. Er wird bei Bedarf neu berechnet, und zwar identisch.

Das vollständige Verzeichnis sämtlicher je entstandener und sämtlicher je entstehender Zustände dieser Sammlung belegt daher exakt null Byte.

Daraus folgt eine Frage, die der Verfasser nicht abschließend beantworten kann. Zustand Nr. 22.000.000 wird am Dienstag, dem 15. Februar 2028, erscheinen. Er ist heute schon vollständig bestimmt, Farbe für Farbe, Zug für Zug. Existiert er? Gerechnet hat ihn niemand, gesehen erst recht nicht. Aber es gibt nichts mehr an ihm, das noch zu entscheiden wäre.

Borges hätte das Problem erkannt und eleganter gefasst. Die Festplatte hat dazu keine Meinung.

X

Von der Maschine, die signiert

Jeder Zustand trägt unten rechts ein Monogramm. Es wird nicht aufgestempelt, sondern gezeichnet: zwei Bögen, drei Striche, jedes Mal mit minimal anderer Führung, in der dominantesten Farbe des jeweiligen Werks.

Die Signatur stammt also von einem Programm und bezeugt die Urheberschaft eines Menschen, der dieses Bild nie gesehen hat — es ist siebzehn Sekunden alt.

Man kann das für eine Anmaßung halten. Der Verfasser hält es für die genauere Zuschreibung. Signiert wird nicht die Anordnung der Striche, die hat niemand gewählt. Signiert wird die Hand, aus der die Regel stammt, nach der sie gesetzt wurden. Ein Komponist unterschreibt auch nicht jede Aufführung.

Der Vergleich hinkt, weil eine Aufführung Interpreten hat und hier nur eine Zahl steht. Aber er hinkt in die richtige Richtung.

XI

Von der Patina, und ein technisches Nachwort

Werke altern. Aus dem Einlieferungsdatum leitet sich eine Drift ab: die Bewegung wird ruhiger, die Fläche dichter, der Kontrast weicher, das Korn stärker. Die Farbe setzt sich, wie Farbe das tut. Darüber liegt eine sehr langsame Atmung von rund dreizehn Monaten.

Genau genommen ändert sich dabei nichts am Werk. Was sich ändert, ist das Datum, aus dem gerechnet wird. Das Altern liegt nicht im Bild — es liegt in der Zeit, die man ihm gegenüberstellt. Das gilt vermutlich auch für Bilder aus Farbe.

Nicht wie Wein. Eher wie ein Kollege.

Und, unlyrisch: Next.js, React, TypeScript. Postgres und Objektspeicher bei Supabase, ausgeliefert über Vercel. Die Messung läuft im Browser, die Stilanalyse besorgt Claude, gemalt wird auf einem Canvas, in Echtzeit, ohne Bibliothek. Zwei Sprachen, kein Übersetzungsframework — zwei Objekte, von denen das eine gegen den Typ des anderen geprüft wird. Fehlt eine Zeile, bricht der Build ab. Das ist die ganze Vorrichtung.

Berichtigungen

Zur ersten bis vierten Fassung.

Zu Abschnitt II. Es hieß dort, die Richtung werde gemessen. Bei fünf von neun Werken wurde sie nicht gemessen, sondern gesetzt: Wo die Messung nichts lieferte, schrieb ein Rückfallwert stillschweigend neunzig Grad ein. Zwei Arbeiten wurden dadurch zwei Tage lang um neunzig Grad gedreht gemalt, was ihnen nicht bekam. Aufgefallen ist es, weil eine Zahl zu rund war — das Verfahren kann Neunzig gar nicht erzeugen, seine Klassenmitten liegen bei fünf, fünfzehn, fünfundachtzig, fünfundneunzig. Ein Ersatzwert, der aussieht wie ein Messwert, ist schlimmer als eine Fehlermeldung.

Zu Abschnitt IV. Wo dort von Pinselzügen die Rede war, handelte es sich über mehrere Fassungen hinweg um Rechtecke.

Zu den Deckungswerten. Sie stammten aus einer einzigen, lasierend gespachtelten Leinwand in Silbergrau und wurden zur allgemeinen Regel erhoben. Auf eine pastose Arbeit angewandt ergaben sie braunen Nebel. Impasto deckt, das ist gewissermaßen sein Beruf.

Nachbemerkung

Das hier beschriebene Verfahren hat in seiner ersten Fassung Bilder erzeugt, die aussahen wie farbige Schläuche auf beigem Grund. In der zweiten sahen sie aus wie brauner Nebel. In der dritten wie neunmal dasselbe Bild.

Es ist jetzt die fünfte. Der Verfasser hält sie für gelungen, was über frühere Fassungen ebenfalls gesagt wurde.